Hitzebeständige Arbeitsschuhe – drei Angaben, die nicht dasselbe sind
„Hitzebeständig" steht auf keinem Etikett, weil es keine Prüfung dieses Namens gibt. Stattdessen gibt es drei getrennte Fragen: Was hält die Laufsohle beim kurzen Kontakt aus, wie lange bleibt der Fuß auf warmem Boden kühl, und was passiert mit dem Obermaterial, wenn etwas Glühendes darauf landet. Für die ersten beiden gibt es Kürzel, für die dritte in der EN ISO 20345 keines – und genau dort passieren die Verbrennungen.
Modelle mit hitzebeständiger Gummilaufsohle:
Hitzebeständige Arbeitsschuhe bei Amazon ansehenHRO prüft eine Minute, nicht eine Schicht
Für HRO wird die Laufsohle auf eine 300 Grad heiße Fläche gesetzt und nach 60 Sekunden begutachtet: Sie darf nicht schmelzen, nicht reißen und muss danach noch tragfähig sein. Mehr sagt das Kürzel nicht aus. Es sagt nichts über die Temperatur, die im Schuh ankommt, nichts über wiederholte Belastung und nichts über die Schichten oberhalb der Laufsohle.
Der letzte Punkt ist der praktisch wichtigste. Fast jeder Sicherheitsschuh hat eine Zwischensohle aus PU-Schaum, und die verliert ihre Struktur weit unterhalb der Temperatur, bei der die Gummilaufsohle Probleme bekommt. Ein HRO-Schuh, der zu lange auf einer heißen Platte steht, bleibt außen intakt und sackt innen zusammen. Dazu kommt die Alterung: Geprüft wird eine neue Sohle mit voller Profiltiefe. Ist das Profil heruntergelaufen, liegt weniger Material zwischen Hitze und Fuß, und die Kontaktfläche wird größer.
HI ist ein zugelassener Temperaturanstieg
HI beschreibt die Wärmeisolierung des gesamten Sohlenkomplexes. Der Schuh steht 30 Minuten auf einer rund 150 Grad warmen Platte, und innen darf die Temperatur dabei nur um einen festgelegten Betrag steigen. Das ist eine Verzögerung, kein Sperrschild: Nach einer halben Stunde ist es im Schuh wärmer als vorher, nur eben nicht heiß.
| HRO | HI | |
|---|---|---|
| Geprüftes Bauteil | nur die Laufsohle | kompletter Sohlenaufbau bis zum Fußbett |
| Zeitraum | eine Minute | eine halbe Stunde |
| Bewertet wird | Zustand des Materials | Temperatur an der Innenseite |
| Passt zu | kurzem Tritt auf Heißes | Dauerstand auf Warmem |
| Preis dafür | härtere Sohlenmischung | höherer Sohlenaufbau, mehr Gewicht |
Die beiden schließen sich nicht aus, sie stehen nur selten zusammen am selben Schuh, weil HI Bauhöhe braucht. Ein Schuh mit HI kann außerdem gleichzeitig CI tragen: Isolierung wirkt in beide Richtungen – was auf der kalten Seite dazugehört, steht bei den gefütterten Modellen. Wie die Kürzel auf dem Etikett angeordnet sind, steht bei den Kennzeichnungen.
Der Schaft ist der blinde Fleck
Für das Obermaterial kennt die EN ISO 20345 keine Hitzeprüfung. Ein Schuh darf S3 HRO HI tragen und trotzdem einen Schaft haben, der bei Funkenflug wegschmilzt. Worauf du deshalb selbst achten musst:
- Material: Narbenleder verkohlt an der Oberfläche und bleibt formstabil. Beschichtete Synthetik und Mikrofaser schrumpfen, ziehen sich vom Fuß weg und können mit der Schmelze an der Haut haften.
- Textilanteile: Mesh-Einsätze, Netzfutter und gepolsterte Kragen sind Polyester. Sie halten nichts auf und schmelzen punktuell durch.
- Nähte: Auch bei einem Lederschaft ist das Nähgarn oft Polyester. Aramidgarn hält deutlich länger, steht aber nur bei Schuhen im Datenblatt, die für Hitzearbeitsplätze gebaut sind.
- Öffnungen: Freiliegende Senkel, offene Haken und eine nicht abgedeckte Zunge sind Einfallstore. Eine Lasche über der Schnürung ist konstruktiv mehr wert als jedes Kürzel an der Sohle.
Wie das im Gewerk konkret aussieht, zeigen die Seiten zu Dachdeckern mit Heißbitumen und zum Metallbau mit Funkenflug am Trennschleifer.
Wo die S-Klassen enden: EN ISO 20349
Sobald flüssiges Metall im Spiel ist, greift eine eigene Normenreihe. EN ISO 20349-1 deckt Gießereiarbeit ab, Teil 2 das Schweißen und verwandte Verfahren. Geprüft wird dort, was die 20345 offen lässt: das Verhalten des Obermaterials unter Metallspritzern und das Flammverhalten. Zusätzlich verlangt die Reihe, dass sich der Schuh in Sekunden ausziehen lässt, weil eine hineingefallene Perle nicht wieder herauskommt. Die Einzelheiten dazu stehen bei den Schweißerschuhen.
Für alles darunter – Backstube, Küche, Asphalt, Trocknungsanlage – bleibt es bei einer S-Klasse plus HRO und gegebenenfalls HI. Welche Klasse die Basis bildet, entscheidet nicht die Hitze, sondern der Rest der Umgebung: S3 im Freien und im Rohbau, S2 in der Küche, O2 dort, wo keine Kappe gefordert ist. Wie sich Ofenwärme und Bodenhitze konkret unterscheiden, führt die Seite für Bäcker aus. Verbindlich ist in jedem Fall die Gefährdungsbeurteilung deines Betriebs nach DGUV Regel 112-191.
Häufige Fragen
Reicht HRO, wenn ich auf heißem Untergrund stehe?
Nur für kurze Momente. HRO belegt, dass die Laufsohle eine Minute Kontakt mit 300 Grad übersteht, ohne Schaden zu nehmen. Wer minutenlang auf warmem Boden steht, braucht zusätzlich HI, sonst kommt die Wärme durch den Sohlenaufbau bis zum Fuß.
Welche Sohle hält Hitze am besten aus?
Eine Laufsohle aus Nitrilkautschuk. Sie bleibt bei Wärme formstabil, ist aber schwerer und dämpft schlechter als PU. Übliche Bauweise ist deshalb ein Zweischichtaufbau: Gummi unten für die Hitze, geschäumtes Material darüber für den Komfort.
Sind hitzebeständige Schuhe automatisch feuerfest?
Nein. Keines der Sohlenkürzel sagt etwas über Flammbeständigkeit aus. Geprüft wird das Flammverhalten erst in der EN ISO 20349 für Gießerei und Schweißen – ein gewöhnlicher Sicherheitsschuh mit HRO ist dafür nicht ausgelegt.