O1 gegen O2 – und was zwischen OB und O3 sonst noch liegt
Die Kurzzeichentabelle der EN ISO 20347:2022 kennt für Berufsschuhe genau die Stufen OB, O1, O2, O3 sowie O4 bis O7. „O1P" steht nicht darin – das ist ein O1, dessen Etikett zusätzlich ein geprüftes P, PL oder PS trägt. Wer den Unterschied zwischen O1 und O2 sucht, sucht in Wahrheit nach einer Leiter mit fünf Sprossen, von denen jede genau ein Prüfmerkmal ergänzt.
Berufsschuhe der O-Klassen nebeneinander vergleichen:
O2-Berufsschuhe bei Amazon ansehenWas das O aussagt – und was es ausdrücklich nicht aussagt
Das O steht für Berufsschuh. Eine Zehenschutzkappe fordert die Norm hier nicht. Der Punkt, den viele übersehen: Wenn ein Berufsschuh trotzdem eine Vorderkappe eingebaut hat, stellt die Norm an dieses Bauteil keinerlei sicherheitstechnische Anforderung. Es dient der Formgebung, lässt sich in vielen Fällen mit den Fingern zusammendrücken, und ein solcher Schuh darf deshalb nicht als Sicherheits- oder Schutzschuh eingesetzt werden – auch wenn er sich vorne hart anfühlt.
Berufsschuhe sind trotzdem geprüfte persönliche Schutzausrüstung der Kategorie II. Das heißt: Baumusterprüfung bei einer notifizierten Stelle, und die EU-Baumusterprüfbescheinigung wird seit der PSA-Verordnung nur noch für höchstens fünf Jahre ausgestellt. Ein Modell, das seit acht Jahren unverändert im Katalog steht, muss zwischendurch also nachbestätigt worden sein.
Die Sprossen in der Reihenfolge, in der sie aufeinander aufbauen
| Stufe | Ergänzt gegenüber der Stufe darunter |
|---|---|
| OB | Nur die Grundanforderungen: Verbund von Schaft und Sohle, Mindestdicken, Abriebwerte, pH-Wert und Chrom-VI-Grenze im Leder. Der Fersenbereich darf offen bleiben. |
| O1 | Geschlossener Fersenbereich, antistatische Eigenschaften, Energieaufnahmevermögen im Fersenbereich |
| O1P | Keine eigene Kategorie: ein O1 mit zusätzlich geprüftem Widerstand gegen Durchstich (P, PL oder PS) |
| O2 | Prüfung des Obermaterials auf Wasserdurchtritt und Wasseraufnahme, gekennzeichnet mit WPA |
| O3 | Zusätzlich Widerstand gegen Durchstich und eine profilierte Laufsohle |
Die erste echte Schwelle liegt zwischen OB und O1 und heißt geschlossener Fersenbereich. Deshalb kann ein hinten offener Clog konstruktionsbedingt nie mehr als OB erreichen, egal wie gut seine Sohle ist. Die zweite Schwelle, O1 zu O2, wird regelmäßig überschätzt: WPA ist eine 60-Minuten-Prüfung am Obermaterial, keine Zusage für den fertigen Schuh. Du bekommst nicht sofort nasse Füße, aber nach ausreichend langer Beaufschlagung eben doch. Wasserdicht im Sinn der Norm ist das Kürzel WR, und in der O-Reihe führen die Kategorien O6 und O7 diesen Nachweis.
Wo die O-Reihe endet und die S-Reihe beginnt
Zwischen beiden liegt eine dritte Normreihe, die im deutschen Handel kaum auftaucht: Schutzschuhe nach EN ISO 20346, Kurzzeichen P1 bis P7. Ihre Zehenkappe wird mit 100 Joule Aufprall und 10 Kilonewton Druck geprüft, die des Sicherheitsschuhs mit 200 Joule und 15 Kilonewton. Alle drei Reihen benutzen dieselbe Merkmalsleiter – O1, P1 und S1 unterscheiden sich ausschließlich in der Kappe. Wer also von einem O1 auf ein S1 wechselt, ändert am Rest des Schuhs normseitig nichts. Welche Modelle in der untersten O-Stufe praktisch angeboten werden, steht auf der Übersicht zu O1-Berufsschuhen; die vollständige S-Systematik findest du unter Schutzklassen.
Wann die Gefährdungsbeurteilung eine O-Klasse trägt
Vor der Auswahl steht eine tätigkeitsbezogene Beurteilung der Arbeitsbedingungen. Sie muss drei Dinge festhalten: Art und Umfang der Gefährdungen, die Gefährdungsdauer und die persönlichen Voraussetzungen der Beschäftigten. Als Gefährdung gelten dabei Ausrutschen, Stoßen, Einklemmen, umfallende, herabfallende oder abrollende Gegenstände, das Hineintreten in spitze Gegenstände, Hitze, Kälte und Chemikalien.
Eine O-Klasse hält nur, wenn aus dieser Aufzählung nichts auf den Vorfuß wirkt. Und: Eine Gefährdung hängt nicht am Berufsbild. Die Beispiellisten des Sachgebiets Fußschutz sind eine Orientierungshilfe, sie ersetzen die betriebliche Beurteilung nicht – wie das Regelwerk dahinter aufgebaut ist, steht bei der DGUV Regel 112-191. Bei Diabetes oder Allergien kommt individueller Beratungsbedarf hinzu.
- SBDie Grundstufe mit Kappe
- S1O1 plus geprüfte 200-J-Kappe
- S2Das Gegenstück zu O2
- Pflege und KlinikWo O-Klassen üblich sind
- SicherheitssandalenOffener Fersenbereich
- RatgeberNormen, Recht, Passform
Häufige Fragen
Ist ein O2-Berufsschuh wasserdicht?
Nein. O2 belegt, dass das Obermaterial eine 60-minütige Prüfung auf Wasserdurchtritt und Wasseraufnahme bestanden hat. Der zusammengebaute Schuh wird dabei nicht geprüft. Wasserdichtheit trägt das Kürzel WR und führt in der Berufsschuhreihe zu den Kategorien O6 und O7.
Was genau unterscheidet O1 von S1?
Ausschließlich die Zehenschutzkappe. Geschlossener Fersenbereich, Antistatik und Energieaufnahme im Fersenbereich sind in beiden Kategorien gefordert. S1 verlangt zusätzlich eine Kappe, die 200 Joule Aufprall und 15 Kilonewton Druck standhält.
Warum finde ich zu O3 kaum Modelle?
Weil die Merkmale, die O3 hinzufügt – Durchstichwiderstand und Profilsohle –, typischerweise dort gebraucht werden, wo ohnehin eine Zehenkappe verlangt wird. Wer Nägel am Boden und groben Untergrund hat, landet in der Beurteilung fast immer bei S3 statt bei O3.